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Ein Schlafzimmer-Gespräch mit GDS.FM-Macher Christian Gamp

“We play GDS.FM” gilt mittlerweile für viele Haushalte und Geschäfte in der Schweiz. Ein intimes Schlafzimmergespräch mit dem Schweizer Radiomacher der Stunde: Christian Gamp.

“We play GDS.FM”

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An einem erstaunlich warmen und sonnigen Spätnachmittag im Februar laufe ich die Wiedingstrasse in Alt-Wiedikon entlang. Bald ähneln die prächtigen, mehrgeschossigen Altbauten den Botschaftsgebäuden im Berner Kirchenfeld – so auch das Gebäude, in dem GDS.FM entsteht. Ich klingle an der Türe bei der “WG EG”. Christian Gamp kommt um die Ecke, wir begrüssen uns freundlich, als ein weiterer Gast den Wohnungseingang erreicht und uns zum Gartensitzplatz folgt.

Spontan werde ich Zeuge von einer freundschaftlichen und lustig unglamourösen Preisübergabe. Der gleichzeitig angereiste Gast ist nämlich kein Unbekannter: Sebastian Gill nimmt den GDS.FM-Publikumsaward für die “Best Venue 2016” entgegen. Er ging ans Zürcher “Kauz”. Gratulation an dieser Stelle.

Wir rauchen eine Zigarette, bevor ich Christian vom Gartensitzplatz über eine Art Wohnzimmer, von dem alle weiteren Räume der WG zugänglich sind, in sein Radio-Reich folge. Das Radiostudio, gleichzeitig auch Christians Schlafzimmer, ist sehr ordentlich, schön und gemütlich. “So pingelig aufgeräumt ist es zwangsläufig, da ich viele Gäste habe – das hat was Gutes”, meint er. Aus diesem Raum mit grosser Fensterfront, wunderbarer Aussicht, Stuck an der Decke und grossem “On Air”-Schild oberhalb der Plattenregal-Kleiderschrank-Einrichtung, wird seit rund einem Jahr im 24/7-Betrieb Radio in die weite Welt gesendet. Insgesamt sendet GDS.FM seit fast drei Jahren im Nonstop-Betrieb – zuvor befand sich das Studio in einer WG an der Pfirsichstrasse im Kreis 6.

Doch wer ist Christian Gamp und sein Gegen-den-Strom-Radio, das sogar auf der offiziellen Seite von Zürich Tourismus geführt wird und Medien wie die NZZ oder den Tagi zu lobenden Beiträgen bewegten?

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Radiomenschen sind tendenziell eher kamerascheu – Christian scheint sich das aber gewohnt, auch wenn er persönlich wohl ebenso gut auf die Fotos hätte verzichten können. Er meistert die erste Fotosession mit Bravour und ergattert Fotografinnen-Lob für den schönen Schnurrbart und den “guten neutralen Blick”.

Vor dem Interviewbeginn räumt der Radiomacher gleich mit einem Mythos auf. Es werde zwar gut erkennbar von seinem Studio- und Schlafzimmer aus gesendet und vor allem vorproduziert, doch die (wilden) Live-Sessions fänden meistens extern in Clubs und anderen Lokalen statt. Live-Sendungen aus dem Bedroom gibt es auch – in der Regel beschränkt sich das aber auf seine One-Man-Show für die regelmässige “Fresh Mess”-Sendung.

Mein erstes Gesprächsthema, die Passion für die Musik, brauche ich gar nicht weiter zu erläutern, der Zürcher beginnt sofort zu erzählen: “Kunst und Kultur, im Besonderen Musik, sind für mich der Sinn des Lebens. Ich schätze an der Musik, dass sie etwas vom einzigen Schönen im Leben ist, das du kompromisslos, ohne jegliche negativen Konsequenzen geniessen kannst. Es gibt nichts Schlechtes an der Musik.” Lachend ergänzt er: “Beim Sex kannst du dir etwas einfangen und nach einer geilen, durchfeierten Nacht musst du den Kater danach ertragen. Musik kannst du bewusst einsetzen: etwas Schnelles, um in Stimmung zu kommen oder um Sport zu treiben oder Downtempo zum Runterkommen und Chillen.”

Obwohl Christian schon früher immer “der mit dem MP3-Player und den Böxli” war, gibt es eine weitere wichtige Eigenschaft, die ihm schliesslich den Weg zur Gründung von GDS.FM ebnete: “Ich hatte immer ein Sammel-Nerdtum mit dem Wahn zur Vollständigkeit. Egal ob Comics, Caps oder Yo-Yos – ich musste alles haben und alle Sammlungen möglichst vollständig kriegen.” Seine jugendliche Sammelleidenschaft behielt er bei, doch fokussierte er diese nach der Markteinführung der ersten MP3-Player auf seine Musikbibliothek. Musikalisch hörte der Zürcher bis anhin Punk-Rock und kam durch Snowboard-Videos zum HipHop – das Genre, in dem er erstmals aktiv Musik “diggte” und seinen MP3-Player mit möglichst viel runterkomprimierter Musik füllte. “Eine Entscheidung, die ich später bereute, da ich die Original-Files nicht mehr hatte und die komprimierten Tracks miserabel klangen”. Übers “Diggen” von HipHop entdeckte der Sammler die unendliche Menge und Vielfalt der Musik. Konkret begann die musikalische Schatzsuche für ihn damit, Werke von Featurings bekannter Künstler wie Busta Rhymes zu hören und dann deren Featurings und so weiter. Er vertiefte sich in die Materie und fand schnell auch an weiteren Genres Gefallen. “Wenn ich zu lange dieselbe Musikrichtung höre, brauche ich etwas als Ausgleich.” Mittlerweile zählt Christians Musiksammlung über 100.000 Tracks, seit 2008 feinsäuberlich in seiner iTunes-Bibliothek sortiert, mit den regulären Titelinformationen, sowie mit persönlichen Tags für das Tempo ergänzt und kategorisiert in diverse Untergruppen und Playlists. Für die grundlegende Abgrenzung seiner Musiksammlung hat Christian drei Hauptkategorien entwickelt: “Hiphop/Instrumental” inklusive Beats, “Rock/Pop” und “elektronisch”, wobei es hier von Experimentellem, Sphärischem bis hin zu Clubsound geht. Insgesamt sei seine Sammlung in den drei Kategorien ausgeglichen vertreten – nicht vertreten hingegen sei “Mainstream, der mit der blossen Absicht produziert wurde, verkauft zu werden”, Heavy-Metal und “so Musik ohne Groove.” “Das gefällt mir nicht… Bisher!”, fügt er an. Hinterher ergänzt Christian, dass es aber auch im Mainstream Sachen gebe, die ihm gefallen. So fand der Kopf hinter GDS.FM etwa Rihanna zu Beginn sensationell.

Trotzdem: Hitparadenradio hört Christian selten bis nie, er fokussiert sich auf ausgewählte Sendungen einzelner alternativer Sender. Empfehlen kann er in diesem Bereich besonders “Bandcamp.Weekly”, eine Sendung, in der während 90 Minuten Neuheiten auf Bandcamp präsentiert werden, oder den Westschweizer Sender GRRIF.

Eine für Christian im weiteren Sinne erfreuliche Begegnung mit dem Hitparadenradio gab es vor Kurzem dennoch: “Als ich für die GDS.FM-Awards wieder einmal Autofahren musste und Hitparadenradio lief, fühlte ich mich nach nun fast drei Jahren Tätigkeit in meiner Entscheidung bestärkt. Wir haben eine Marktlücke gefunden: gutes, breites Musikradio fernab von Kommerz und Hitparade, mit viel Schweizer Musik. Noch immer sind wir fast die Einzigen, die dieses Bedürfnis wahrnehmen und bedienen. Der miserable Zustand der Schweizer Radiolandschaft war eine der Antriebskräfte für mich und ist es für mich nach wie vor. Ich würde mich über mehr Support für die Musikszene seitens der Mainstreamradios freuen, besonders für die heimische.”

Sein Gespür für Marktlücken im heimischen Musikbusiness und die Wünsche vieler Musikhörenden und -schaffenden bewies Christian dieses Jahr erneut mit der Lancierung der hauseigenen Award-Verleihung. Gleich im Gründungsjahr waren die GDS.FM-Awards ein voller Erfolg und erfreuten sich im Gegensatz zu kommerziellen Konkurrenzwettbewerben über breiten Zuspruch aus der alternativen Musikwelt. Ebenfalls konnte sich der Zürcher über die Jahre mit seinem Dasein als DJ ein weiteres Hobby und Standbein aufbauen: DJ Chrigi G. us Z. ist der DJ-Alias des GDS.FM-Gründers. Dabei hatte der mittlerweile regelmässig praktizierende DJ, der früher regelmässig an Home-Partys von Freunden für die Musik aus der Dose verantwortlich war, nie die Absicht aufzulegen: “Es kam irgendwie von alleine. Ich sehe die Aufgabe eines DJs mehr als Art ‘Selekteur‘, der im richtigen Moment den richtigen Tune spielt. Theoretisch braucht es gar keinen Übergang. Wobei ich persönlich auch Freude am Suchen und Vorbereiten von verschiedenen Tracks habe, die gut miteinander harmonieren und sich mischen lassen”, sagt er weiter. Dass Christian diesen Job des “Selekteurs” mit unglaublicher Musikerfahrung und Klangbibliothek virtuos beherrscht, stellt er seit der Gründung von GDS.FM täglich unter Beweis.

Sich selbst in eigenen Worten beschreiben möchte Christian in Interviews nicht mehr – ich kann ihn verstehen. Ein guter Kollege, der seit einigen Tagen auch Mitbewohner in der “EG WG” ist, übernimmt die Aufgabe glücklicherweise für ihn. Er sei “ein Macher-Typ, anpackend”. Etwas, was ich meine, bereits nach der ersten Hälfte des Gesprächs bestätigen zu können. Christian hat angepackt, besonders in den letzten, arbeitsintensiven Jahren ohne Ferien, in denen er sein Radio von einer Idee, über die Ausstrahlung beim ETH-Campusradio und auf Audioasyl.net, via einem erfolgreichen Crowdfunding, zum Webradio mit 24/7-Betrieb und 500 zahlenden Vereinsmitglieder führte – eine stark wachsende, internationale Hörerschaft, sowie Live-Events in renommierten Clubs mit unzähligen namhaften Künstler. Christian will kein passiver, konsumierender Teil der Gesellschaft sein – das widerspiegelt sich auch in der Auswahl seiner Feriendestination. Nach drei Jahren ohne Ferien ging die erste Reise in den Iran. Neue Inspiration, Klänge und Erfahrungen wollte der 30-Jährige sammeln, kein passives Sonnenbaden in der Karibik. Authentisch.

Seinem Wunsch, mit GDS.FM seinen Lebensunterhalt zu verdienen und ein kleines Team aufzustellen, das ihm das Arbeiten mit vertretbareren Arbeitszeiten ermöglicht, kommt Christian Schritt für Schritt näher – eine Teilzeitassistentin hat er bereits. Gründe für Zweifel am Erreichen seiner Ziele kommen keine auf. Der schnelle und anhaltende Erfolg geben ihm Recht. Mit dem Entscheid, sein Leben mit GDS.FM möglichst vollumfänglich seiner Musikleidenschaft zu widmen, machte Christian auch in beruflicher Hinsicht einen beachtenswerten Schlussstrich: “Ich gab meinen Job bei einer Werbeagentur auf. Ich konnte nicht mehr hinter dem stehen, was ich mache. Nun arbeite ich 40 Prozent als Disponent für Kulturplakate. Dahinter kann ich voll stehen, wenn auch nicht immer musikalisch”, ergänzt der hochgewachsene Musiknerd lachend.

Neben fast pausenlosem Radiohören – oftmals auf dem eigenen Sender – hört Christian mindestens zehn Stunden wöchentlich aktiv Musik. Ergebnis: 50-100 Tracks in der Rotation werden alle sieben Tage ausgewechselt, sprich Lieder hinzugefügt oder entfernt, frei nach Gusto des Chefs. Dazu kommt sein Anspruch, jeder Musikempfehlung aus seinem Umfeld nachzugehen, regelmässig nach neuen Künstler für die GDS.FM-Setblocks Ausschau zu halten und ein bis zwei wöchentliche Besuche bei Plattengeschäften in der Umgebung. Die laufende Weiterentwicklung der bestehenden Formate, das Suchen neuer Partner für Live-Shows sowie alle administrativen Arbeiten inklusive Führen des Social-Media-Auftritts oder der Buchhaltung, Newslettering und Ähnlichem füllt den Rest seiner vollen Radiowoche. Daneben die bereits erwähnten vier Halbtage im Dienste der Kulturplakate, die aktuell für den Lebensunterhalt noch notwendig sind.

Christian hat sich von vielem befreit und entschieden, ein Leben für seine Leidenschaft zu führen. Er folgt seinen Prinzipien im privaten wie beruflichen und macht dabei einen sehr glücklichen und befreiten Eindruck. Auch wenn es noch nicht zur vollumfänglichen Finanzierung des Lebensunterhalts reicht und er einen enormen Aufwand in sein Projekt steckt. Christian lebt und liebt die Musik. Er liebt und lebt, was er tut, und darin besteht eine grosse Freiheit. Ganz abgesehen davon, leistet der Radiomann einen unheimlich wertvollen Dienst für seine garantiert noch lange wachsenden Hörerschaft und generell jeden Musikfreund und -schaffenden – ohne Unterbruch, werbefrei, unabhängig und mit einer ausserordentlich breiten, fein ausgewählter Musikpalette fast jeden Genres.

Als ich Christian nach seinen Wünschen für die Schweizer Musikszene frage, wünscht er sich eine “weiterhin gleichbleibend blühende, kreative Szene, die sich vermehrt vernetzt und auch in der Zukunft verstärkt genreübergreifend zusammenarbeitet.” Er glaubt, der Höhepunkt der Musik in der Schweiz sei noch nicht erreicht. Künftig wünscht er sich mehr “staatliche Unterstützung – andere Länder haben begriffen, dass Musik abseits vom Mainstream ein Gut mit internationaler Ausstrahlung ist und fördern dies entsprechend mehr.” Er nimmt aber auch die Bevölkerung in die Pflicht und fordert mehr Unterstützung für die Musikbranche generell: “Bezahlt einen Eintritt, anstatt für Gästeliste zu fragen.”

Für GDS.FM hat Christian nebst dem Weiterführen und -entwickeln des Bestehenden ein grosses Ziel: Christian sieht die Zukunft von GDS.FM in einem eigenen Lokal. Dieses soll die aktuellen Live-Shows aus anderen Lokalen nicht ersetzen, die vor allem für grössere Künstler und Bands sowieso stets ihre Wichtigkeit behalten werden. Das eigene Lokal soll das erste Schweizer Radiostudio werden, inklusive mehreren wöchentlichen Live-Shows eingebettet in einer schönen, gemütlichen Bar für Gleichgesinnte und (Musik-)freunde. Christians Augen leuchten beim Erzählen und ich sehe mich schon als Stammkunde in seiner Bar. Doch wie so oft in der Musikkultur gestaltet sich das Finden einer passenden Liegenschaft schwer – nebst der ruheliebenden “Frou Müller” grüsst auch die Gentrifizierung. Bis auf weiteres serviert Chrigi G. us Z. also seine Spezialität Musik pur und ohne Alkohol aus seinem Schlafzimmer. Hauptsache, der Fisch schwimmt weiterhin gegen den Strom.

Wegen der mittlerweile vernebelten Aussicht frage ich Christian zum Abschluss unseres fast 90-minütigen Talks, welche besonderen Gebäude von seinem Heimstudio aus zu bestaunen sind. Er meint, es gäbe keine Besonderen, jedoch sehe man leicht über die Stadt und direkt vis-à-vis vom Studio liege die Kollerwiese, auf der im Sommer gechillt und im Winter gerodelt werde. “Manchmal schaue ich aus dem Fenster und stelle mir vor, wie hinter den Fenstern diverser Gebäuden GDS.FM gehört wird.”

Last but not least serviert Christian Gamps seine auf Vinyl erschienenen “all time favourites” mit seiner dringenden Empfehlung, diese zu hören, solltest du sie nicht kennen:

The Avalanches – Since I Left You / Romare – Projections / Pandour – Ursa Minor / Sarp Yilmaz – Since You’ve Been Gone / Taylor McFerrin – Early Riser

Dieser Inhalt kommt von unserem Partner Noisey
Text: Dino Dragic-Dubois / Fotos: Mina Monsef

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